Musikfilme

Von Australien an die Alster -Dirigentenportrait über Simone Young

Ein Film von Ralf Pleger
22-10-2005 / 22:25-23:20 Uhr auf arte
 

Die australische Dirigentin Simone Young zählt zu den profiliertesten Künstlern der internationalen Musikszene. „Glanz aus Sydney!“, schwärmte man an der Alster, als bekannt wurde, dass Simone Young ab September 2005 den Posten der Generalmusikdirektorin an der Hamburgischen Staatsoper übernimmt. „Keep Simone!“, appellierten derweil australische Fans in einer landesweiten Protestaktion, mit der noch in letzter Minute der Weggang der damaligen Chefdirigentin des Opernhauses Sydney verhindert werden sollte. Wer ist die Musikerin, um die sich Nord- und Südhalbkugel reißen?
Simone Young wurde 1961 in Sydney geboren. Ihre ersten musikalischen Erfahrungen machte sie im Elternhaus in Manly, einem idyllischen Vorort von Sydney. Sie studierte Komposition und Klavier am Sydney Conservatorium. Mit einem Stipendium des australischen Kulturministeriums ging sie 1987 nach Deutschland. Sie arbeitete zunächst als Solokorrepetitorin an der Kölner Oper. In Berlin, Bayreuth und Paris assistierte sie dann Daniel Barenboim, der ihr zum künstlerischen Durchbruch verhalf. In kürzester Zeit debütierte Simone Young an den meisten großen Opernhäusern Europas und Amerikas und dirigierte zahlreiche renommierte Orchester, darunter die Wiener Philharmoniker. Inzwischen ist sie als Gastdirigentin überall in der Welt gefragt.

Von 1999 bis 2002 war sie Chefdirigentin des Philharmonischen Orchesters Bergen (Norwegen) und von 2001 bis 2003 Generalmusikdirektorin des Opernhauses Sydney. Seit der Spielzeit 2005/2006 ist sie Intendantin und Generalmusikdirektorin der Hamburgischen Staatsoper und damit Chefdirigentin der Philharmoniker Hamburg, einem der traditionsreichsten Orchester Deutschlands. Die Dirigentin beherrscht ein Opernrepertoire von mehr als 80 Werken aller Epochen sowie ein breites symphonisches Repertoire. Zu ihren bevorzugten Komponisten gehören Richard Strauss, Richard Wagner, Anton Bruckner, Johannes Brahms und Klassiker des 20. Jahrhunderts. Simone Young lebt seit Juli 2005 mit ihrem Ehemann und zwei Töchtern in Hamburg.

Zwischen den Kontinenten zu pendeln, das gehört für die temperamentvolle Musikerin zum Beruf. Der Film begleitet Simone Young deshalb auf einer aufregenden Weltreise von Europa nach Australien und wieder zurück, durch die Metropolen Hamburg, Berlin, Wien und Sydney – einen Abstecher in den australischen Busch inbegriffen! An berühmten Musentempeln wie der Wiener Staatsoper und dem Opernhaus von Sydney beobachtet das Kamerateam die Arbeit der vielseitigen Künstlerin vor und hinter den Kulissen: Dazu gehören Proben und Aufführungen von so unterschiedlichen Werken wie Ludwig van Beethovens ohrwurmverdächtiger Siebter Symphonie, Richard Wagners bombastischer „Götterdämmerung“, Allan Holleys quirligem Trompetenkonzert und Wolfgang Amadeus Mozarts turbulenter Oper „Così fan tutte“, die Simone Young vom Hammerklavier aus dirigiert.

Im ausgehenden zwanzigsten Jahrhundert war die internationale Dirigentenkarriere für eine Frau noch immer keine Selbstverständlichkeit. Simone Young war in dieser Hinsicht eine Vorreiterin – das Klischee vom Maestro hat die ebenso sympathische wie souveräne Musikerin längst über den Haufen geworfen! Ob auf dem Podium oder im Interview – ihre Ausdruckskraft ist bezwingend, ihre Begeisterung ist ansteckend. Im Film erzählt sie von ihrer Arbeit mit Orchestern und Sängern, von den Herausforderungen ihres Dreifachpostens als Intendantin, Generalmusikdirektorin und Chefdirigentin in Hamburg, von den Geheimnissen der Dirigierkunst und von ihrer Heimat Australien.

Wenn die Superstars der Klassikszene über ihre Erfahrungen mit Simone Young berichten, geraten sie schnell ins Schwärmen. Das Filmteam trifft Daniel Barenboim und Plácido Domingo, die der Künstlerin nicht nur ihre Bewunderung aussprechen, sondern auch überraschende Einblicke in das Dirigierhandwerk gewähren. Auch Skeptiker wie der Wiener Staatsoperndirektor Ioan Holender zollen der unangepassten Künstlerin großen Respekt. Darüber hinaus kommen Persönlichkeiten zu Wort, die in Simone Youngs künstlerischem und privatem Leben eine wichtige Rolle spielen: die Eltern in Sydney, Orchestermusiker und Sänger.

Simone Young ist eine impulsive und eloquente Persönlichkeit, die im traditionellen europäischen Kulturbetrieb für Aufsehen sorgt. Witz und Ironie auf der einen, künstlerische und politische Verantwortung auf der anderen Seite sind für die Dirigentin kein Widerspruch. Der Film zeigt, dass man bei Simone Young vor Überraschungen nicht sicher ist: So erfährt man unter anderem, warum in ihrer Mozart-Interpretation plötzlich eine Melodie von den Beatles auftaucht, und dass der australische Busch einen faszinierenden Zusammenhang zwischen Landschaft und Musik offenbart!