Musikfilme

Konzertreise mit vier PS –
Die Zeitreise des Pianisten Markus Groh

Ein Film von Ralf Pleger
21-08-2011 / 23:30-00:15 Uhr auf RBB
13-06-2011 / 12:45-13:30 Uhr auf BR
22-05-2011 / 09:15-10:00 Uhr auf SWR
 

Die Beschleunigung unseres Lebens betrifft fast alle Menschen der modernen Gesellschaft. Eine Rückkehr zur Langsamkeit erscheint vielen deshalb immer dringender. Doch wie soll man das Tempo im Alleingang drosseln? Der Pianist Markus Groh geht das Risiko ein und erprobt die Entschleunigung in einem ungewöhnlichen Experiment: Er bestreitet eine komplette Konzerttournee mit einem vierspännigen Fuhrwerk!

Markus Groh ist ein Star seines Faches mit Terminen rund um den Globus. Er lebt in Berlin und New York. Interkontinentale Mobilität gehört zu seinem Alltag. In seinem abenteuerlichen Zeitreise-Experiment erteilt er der Hektik seines Berufs eine Absage und beschwört die Zeiten Chopins und Schumanns herauf: Damals war es üblich, dass Pianisten auf Fuhrwerken mit ihren eigenen Instrumenten durch die Lande zogen und sich bei ihren Auftritten wie Pop-Stars feiern ließen. Dafür nahmen sie ungeheure Strapazen in Kauf, denn das Reisen mit der Kutsche war, zumal mit Klavier im Gepäck, eine Tortur.

Markus Groh schreckt davor nicht zurück. Er will wissen, wie sich das langsame Reisen anfühlt und was es mit einem macht. Also plant er seine Konzerttournee als emissionsarmes Entschleunigungsmanöver: Ruckelnde Kutsche statt Auto und Flugzeug, flackernde Kerzen statt elektrischer Beleuchtung, historisches Hammerklavier statt modernem Konzerflügel. Doch hier fängt das Abenteuer erst an.

Der Film begleitet den Künstler bei seinem extravaganten Selbstversuch: Mit einem Vierspänner aus dem 19. Jahrhundert reist Markus Groh zwei Wochen lang im Pferdetrab durch Deutschland und Polen, von Auftritt zu Auftritt, maximal 80 Kilometer am Tag. Konflikte mit der übereilten Gegenwart sind dabei unvermeidbar. Für Markus Groh sind sie ein Teil des Experiments.

Das Klavier, das der Pianist auf der Kutsche mit sich führt, ist ein wertvoller Nachbau des ersten Hammerflügels aus der Manufaktur des deutschen Instrumentenbauers Heinrich Steinweg, der im 19. Jahrhundert nach New York übersiedelte und dort das Traditionshaus Steinway gründete. Der legendäre Prototyp „Steinway No. 1″ von 1836 passt einerseits perfekt in die historische Versuchsanordnung der Tour. Andererseits ist der Transport des kostbaren Instruments in der Kutsche einer der heikelsten Punkte des ganzen Unterfangens.

Die Tour führt durch den Berliner Großstadtverkehr über Landschaften in Brandenburg bis nach Stettin in Polen, dann über Westpommern und die Oder wieder zurück nach Berlin. Täglich bis zu zehn Stunden verbringen Markus Groh und die charismatischen Fuhrleute Christine und Jürgen Reimer auf der Kutsche. Ihre Reise durch Städte und Naturkulissen, bei freundlichen und widrigen Wetterlagen, dokumentiert der Film in eindrucksvollen Bildern.

Markus Grohs Konzertauftritte finden in Schlössern, Kirchen und Herrenhäusern der jeweiligen Region statt. Nach so mancher mühsamer Wegstrecke bezaubert der Virtuose sein Publikum mit Werken von Robert Schumann und Frédéric Chopin. Grohs Interpretationen von Schumanns „Träumerei“ und Chopins berühmter Polonaise As-Dur „Héroïque“ im Stettiner Schloss gehören zu den musikalischen Höhepunkten des Films.

Vor jedem Auftritt muss der Hammerflügel ausgeladen, aufgebaut und gestimmt werden. Die Versorgung der Pferde erfordert zudem großen Aufwand und viel Geduld, die Wege sind unberechenbar, die Kutsche muss gewartet werden. Die langsame Fortbewegung, das ungewohnte Timing und das Aufeinandertreffen starker Persönlichkeiten werden dabei zu einer ungeahnten Herausforderung für das dreiköpfige Reiseteam. Die Zuschauer erleben ein Abenteuer, das als kurioses Experiment beginnt, sich dann aber spannungsvoll einer gemeinsamen Vision nähert: der Rückkehr zur Langsamkeit.